MünsterlandGiro - den Rennrad-Profis (fast) am Hinterrad

 

 

Was für ein geniales Erlebnis!

Im Begleitfahrzeug des Profi-Rennradteams dabei.

Mittendrin.

MünsterlandGiro einmal anders.

 

Schon lange liege ich Florian Monreal, dem Teamchef, hierzu in den Ohren 🙄! Einmal im Begleitfahrzeug des Teams zu einem Profirennen dabei sein zu können!

 

Florian kenne ich durch die VOR-TOUR der Hoffnung, die auch er seit Jahren unterstützt. Manchen Berg hat er mich schon während der VOR-TOUR hochschieben müssen. Selbst Profi bis Ende 2015 hat er seinen Traum verwirklicht und 2013 SEIN Profiteam gegründet.

 

Und dieses startet auch zum Ende der Radsaison 2016 hier beim international anerkannten Radrennen rund um Münster.

 

Florian und  ich bei der VOR-TOUR 2013, die u.a. über den Hunsrück führte. Man könnte meinen, ich schiebe hier ausnahmsweise Florian 😉
Florian und ich bei der VOR-TOUR 2013, die u.a. über den Hunsrück führte. Man könnte meinen, ich schiebe hier ausnahmsweise Florian 😉

 

Ich selbst bin beim Jedermann-Rennen zum MünsterlandGiro gemeldet, der zum 11. Mal am 03. Oktober 2016 stattfindet und den ich im Jahr zuvor zum ersten Mal bestritten habe.

 

Gesundheitlich fühle ich mich jedoch absolut unfit und überlege, die ganze Tour nach Münster abzusagen.

 

Und wie es der Zufall will: bevor ich den "Storno-Button" drücke, offeriert Florian mir die Möglichkeit, im Begleitfahrzeug sein Team zum Profirennen im Münsterland begleiten zu können!

Klar bin ich da sofort dabei 🤗!

 

Die Profis starten das Rennen in Gronau, etwa eine Stunde mit dem Zug von Münster entfernt. Auf meinem Weg zum Münsterer Bahnhof am frühen Morgen sind die Straßen noch leer, die Absperrungen wurden bereits am Abend vorher aufgestellt. Heute Nachmittag werden diese gesäumt sein von -zig Zuschauern, während die Profis drei Mal diese Runde durch die Straßen Münsters über das Kopfsteinpflaster zum Zieleinlauf am Schlossplatz sprinten.

 

Ruhe vor dem Sturm. Auf den Straßen Münsters.
Ruhe vor dem Sturm. Auf den Straßen Münsters.

 

Meine Gedanken, ob ich so einfach auf's Gelände zu den Profis komme oder mich hierfür irgendwo akkreditieren muss und ob ich Florian und sein Team rasch finde sind völlig überflüssig. Kaum bin ich aus dem Bahnhof in Gronau raus, habe ich das Team, welches an diesem Tag früh in Koblenz nach Gronau gestartet ist, schon ausfindig gemacht.

 

Die Räder werden vorbereitet, jeder hat sein to do.

 

Ich vermisse Brigitte und Willi, die Eltern von Florian, die heute nicht dabei sein können.

Denn dieses Team wird als Familienbetrieb geführt und jeder bringt sich - zusätzlich zum Sportlichen Leiter, dem Sportdirektor, dem Performance Direktor..... - mit ein und macht es aus.

 

 

Vor dem  Rock'n'Pop-Museum in Gronau findet die Team- und Fahrerpräsentation statt. Es gehen 22 Teams an den Start. Neben Kuota-Lotto, welches aktuell ab 2017 unter "Lotto Kern-Haus" startet, da der Massivhaushersteller Kern-Haus aus Ransbach-Baumbach neben Lotto Rheinland-Pfalz neuer Sponsor des Teams ist, sind dies z.B. EQS Etixx-Quick Step mit Marcel Kittel, LTS Lotto-Soudal mit André Greipel, TGA Team Giant-Alpecin mit John Degenkolb (und Max Walscheid, der vom Kuota-Lotto-Team zum Giant-Alpecin-Team wechselte).....

 

Team- und  Fahrerpräsentation
Team- und Fahrerpräsentation

 

Letzte Rücksprachen, Ansprachen und Stärkung, bevor um 11.20 Uhr der Startaufruf für die Teams folgt.

Alles scheint gelassen zuzugehen. André Greipel nimmt sich noch ausreichend Zeit zum Plausch mit Florian.

Ich scheine aufgeregter als alle zu sein.

 

 

Es geht los. Die Profis sind auf den Rädern, die Begleitfahrzeuge reihen sich dahinter entsprechend ein. Die Reihenfolge im Tross der Begleitfahrzeuge wird vorab ausgelost. Diese Reihung gilt es immer wieder herzustellen, wenn man im Rennverlauf nach vorne zum Team gerufen wurde.

 

Neben Florian, dem Fahrer, ist Andre mit im Begleitfahrzeug. Als ich mich nach hinten setzen möchte, mache ich unbewusst Andre den Platz streitig und lerne: der Beifahrersitz ist der mir zugedachte. Denn Andre muss von hier aus rasch an das gesamte (Ersatz)Material und die Verpflegung kommen, so dass z.B. bei Materialschäden zügig reagiert werden kann.

 

 

Es geht mit einem neutralisierten Start in Gronau Richtung Nienborg los. Während des neutralisierten Starts darf das Führungsfahrzeug auf diesen ersten Kilometern nicht überholt werden.

Der scharfe Start wird am Ortseingang von Nienborg durchgeführt. Auf den insgesamt 215,8 Kilometern gibt es sieben Berg- und drei Sprintwertungen.

 

Als Preisgeld werden insgesamt 18.800 € ausgeschüttet. Der Sieger erhält hiervon 7.515 €, 3.760 € der Zweite. Von Platz zehn bis 20 erhält jeder Fahrer noch 190 €.

Nach den Regeln des Weltradsportverbandes Union Cycliste International (UCI) erhält der Sieger 200 Punkte, Platz 2 wird mit 150 Punkten gezählt. Bis Platz 40 können Weltranglistenpunkte eingefahren werden.

 

Kuota-Lotto gehört der KT-Klasse (Kontintental-Klasse) an. Die nächste Klasse ist die Pro-Kontinentalklasse.

 

Während des neutralisierten Starts geht es noch "gemütlich" zu
Während des neutralisierten Starts geht es noch "gemütlich" zu

 

Über Funk bekommen wir permanent den Rennverlauf mit, sind also mittendrin im Geschehen. Bereits ziemlich zu Beginn gehen sechs Fahrer als Ausreißergruppe nach vorne, weitere Fahrer, darunter auch Daniel aus unserem Team, versuchen, diese wieder einzuholen. Auch diese Verfolgergruppe wird schließlich wieder vom Hauptfeld gestellt.

 

Erst nach den ersten 50 km dürfen die Fahrer aus den jeweiligen  Begleitfahrzeugen Verpflegung entgegennehmen.

 

Marcel Kittel, Ettix-Quick Step
Marcel Kittel, Ettix-Quick Step

 

Die Kommissärin ruft uns nach vorne. Florian zieht links raus und rast an dem Tross der Begleitfahrzeuge vorbei nach vorne zum Fahrerfeld. Diese Beschleunigung und die schnelle Fahrt links an den anderen Fahrzeugen vorbei zum Feld darf ich während der nächsten Stunden mehrmals erleben. Konzentration beim Fahrer ist angesagt!

Nur einmal, nach einer Kurve, vor einer Bergwertung waren wir kurzzeitig unaufmerksam - die Kollission mit dem vorausfahrenden Fahrzeug konnte jedoch vermieden werden. Uff.

 

Die Kommissärin begleitet das Radrennen auf dem Motorrad und achtet während des Rennens darauf, dass alles mit rechten Dingen zugeht und die Regeln eingehalten werden.

 

Auf dem Weg an den Begleitfahrzeugen vorbei nach vorne zum Fahrerfeld
Auf dem Weg an den Begleitfahrzeugen vorbei nach vorne zum Fahrerfeld

 

Auch gegenseitige Hilfe und Unterstützung zwischen den Teams ist gegeben. Hier ein schneller Wechsel des Hinterrades eines Fahrers vom Team Bora-Argon, der nun mit unserem Material das Rennen fortsetzt.

 

Andre wechselt rasch das Hinterrad und gibt schiebende Starthilfe
Andre wechselt rasch das Hinterrad und gibt schiebende Starthilfe
André Greipel arbeitet sich wieder nach vorne an das Hauptfeld heran
André Greipel arbeitet sich wieder nach vorne an das Hauptfeld heran

 

Das Rad eines unserer Fahrer muss während des Rennens getauscht werden. Es scheint, als geht der Wechsel in wenigen Sekunden: Rad runter vom Dachträger, tauschen, Rad rauf auf den Träger. Und die Komissärin über den Wechsel informieren, da ja nun an diesem neuen Rad auch der Transponder für die Zeitnahme fehlt.

 

 

Nach ca 85 km stürzt ein Fahrer vom Team Topsport Vlaanderen-Baloise. Mehrere Fahrer sind mit betroffen.

Sofort sind alle aus den Begleitfahrzeugen mit Ersatzmaterial nach vorne zur Sturzstelle unterwegs, um sicherzugehen, dass vom eigenen Team keiner in den Sturz verwickelt ist bzw um umgehend beschädigtes Material austauschen zu können.

 

 

Nach der vierten Bergwertung bei Kilometer 132 wird das Tempo angezogen. Nicht jeder kann mithalten. V.a. das Team rund um André Greipel legt ein schnelleres Tempo vor.

 

Nach 20 Kilometern wird das Tempo wieder etwas ruhiger und das Feld, welches durch den Tempoanstieg in vier Gruppen aufgeteilt war, fährt wieder größtenteils zusammen. 

 

John Degenkolb fährt zum Feld auf
John Degenkolb fährt zum Feld auf

 

Es sind jetzt noch 50 Kilometer bis zum Ziel in Münster. Die Ausreißergruppe, welche zeitweise einen Vorsprung von bis zu sieben Minuten hatte, ist bis auf 1,5 Minuten wieder eingeholt.

 

Bereits nach 167 Kilometern steht der Sieger der Bergwertung fest: Aimé de Gent. Er wird schon mal inoffiziell durch die Rennleitung während des Rennens per Funk auf das Podest nachher in Münster gebeten.

 

Schließlich zersplittert die Ausreißergruppe bei Kilometer 170 - nicht alle können das Tempo weiterhin halten.

 

Wir haben einen kurzen Stopp, um bei Joshi das Hinterrad zu wechseln. Zwischenzeitlich sind es nur noch 37 Kilometer bis ins Ziel.

 

 

Es fängt an zu regnen.

 

Wieder zieht eine 6-köpfige Spitzengruppe raus, das Feld folgt und holt auf. Nach zehn Kilometern ist der Vorsprung der Spitzengruppe auf 20 Sekunden geschrumpft. Relativ geschlossen fährt das Feld im Stadtteil Niemberge nach Münster rein.

 

Dann wieder eine Attacke aus dem Feld heraus: Thomas Koep vom Team Stölting Service Group zieht nach vorne. Es sind noch 19 Kilometer. Koep wird wieder eingeholt.

Nun attackiert André Greipel.

 

Als wir zum  ersten Mal durch die Zielgpassage in Münster am Schlossplatz fahren, ist das Fahrerfeld wieder sehr geschlossen.

 

 

Durch den Regen sind die Stürze auf dem Kopfsteinpflaster durch Münsters Innenstadt vorprogrammiert.

Während das Feld auf dem Weg zur ersten Runde noch geschlossen war, ist es nun auf den  letzten zehn Kilometern auch sturzbedingt völlig auseinandergerissen.

 

Am Ende der dritten Durchfahrt der Zielpassage am Schlossplatz steht der Sieger fest: John Degenkolb gewinnt den MünsterlandGiro 2016!

 

Luca kommt auf Rang 37 und somit als Teambester des Teams Kuota-Lotto mit einer Zeit von 4:52 Stunden und einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 44,34 km/h in Ziel.

 

Das Team hatte sich mehr versprochen, die Stimmung passt zum inzwischen strömenden Regen und den Verletzungen eines Teammitglieds. Zügig wird zusammengepackt und sich auf den Rückweg in Richtung Koblenz begeben.

 

Zieleinfahrt Münster
Zieleinfahrt Münster

 

Für mich war es ein rasantes, geschwindigkeitsgespiektes, stop-and-go-reiches, bemerkenswertes und spannendes Erlebnis - mit allem Drum und Dran.

 

Danke vielmals Florian, dass Du mir das ermöglicht hast!

 

Während das Team rund um Florian sich wieder mit seinen Betreuern Richtung Süden begibt, bleibe ich in Münster und freue mich, Hans-Peter und Ulrike Durst erstmalig nach deren Aufenthalt zu den Paralympics in Rio wiederzusehen. Es gibt viel zu erzählen (wie im Nachklapp hier beschrieben!).

 

Wiedersehen mit dem 2-fachen Goldmedailliengewinner Rio 2016
Wiedersehen mit dem 2-fachen Goldmedailliengewinner Rio 2016

 

Dem Team LOTTO KERN-HAUS rund um Florian wünsche ich für die kommende Saison viel Erfolg, gute und faire Rennen, Spaß bei allem, was sie tun und antreibt!

Und ich sende viele Grüße - v.a. auch an Brigitte und Willi - zum derzeitigen Team-Trainingscamp auf Mallorca!

 

Kette rechts!

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Lörgen Uwe (Sonntag, 19 Februar 2017 19:50)

    Hallo liebe Anja,
    Es ist wieder einmal ein absoluter toller Bericht von dir , ich fühlte mich , als ich selber dabei war . Ich habe mich auch riesig darüber gefreut, das Du einmal selbst dabei warst.
    Liebe Grüße
    Uwe